AG Wanderfalkenschutz Schleswig-Holstein
AG Wanderfalkenschutz Schleswig-Holstein

AGW-SH online

Auf diesen Internetseiten stelle ich die AG Wanderfalkenschutz Schleswig-Holstein und den wieder eingebürgerten Wanderfalken vor.

Über die Vermischung des autochthonen Wanderfalkenbestandes Falco p. peregrinus mit Rotnackenshahinen Falco p. babylonicus

In unserem WF-Schutzprogramm 2012 werden auf den S. 22 ff. Probleme der Vermischung der autochthonen Wanderfalken-Population mit entflogenen Großfalken der verschiedenen Arten und den daraus resultierenden Folgen beschrieben.Beklagt wird ebenfalls, dass zuständige staatliche Organe darauf nicht reagieren, obwohl sie dazu gesetzlich verpflichtet sind. Fixiert waren wir Schützer dabei besonders auf Falknern entflogene Hybridfalken, einer Züchtung zwischen Ger- und Wanderfalken, von denen die Männchen mit Wanderfalken erfolgreich Junge ausbrüten konnten. Es waren im Größenvergleich zu den Wanderfalken Riesen, die sofort auffielen. Zu diesem Thema ist es nach Einführung eines Zuchtverbots durch eine gesetzliche Ergänzung der Bundesartenschutzverordnung (§§ 8-11) ruhiger geworden, aber auch das unberechtigt, weil sie erst ab 2014 gilt.

Inzwischen mehren sich jedoch die Hinweise darauf, dass eine ganz andere Vermischung der heimischen Wanderfalkenpopulation F. p. peregrinus mit Rotnackenshahinen Falco p. babylonicus großflächig und ganz und gar unauffällig erfolgt sein muss. Diese Shahine sehen beinah genau so aus wie Wanderfalken, sind im Durchschnitt minimal kleiner mit einer etwas feineren Gefiederzeichnung, tragen aber untrügliche Erkennungsmerkmale in der Gefiederfarbe am Kopf, was ihnen auch den deutschen Namen einbrachte. Ähnlich, wie beim Wanderfalken, variiert aber auch bei dieser Unterart die Gefiederfarbe stark (von hell bis dunkel), was ihre Identifikation in der Natur nicht gerade erleichtert. Als heimische Wanderfalken rar wurden und beinah nicht mehr zu haben waren, beschafften sich Falkner auch Shahine, um mit ihnen die Beizjagd auszuüben. Und seit die Zucht mit Falken gelingt, wird auch in Deutschland und anderen EU-Staaten mit Shahinen gezüchtet, die im Preis sogar noch teurer gehandelt werden, als Wanderfalken.

Ich selbst erhielt in 2011 ein Bild von Andreas Schulz-Benick vom weiblichen Brutfalken vom Dom aus Schwerin, welches dort in einem Mauerloch erstmalig erfolgreich gebrütet hatte. Dieses Ereignis war von vielen Personen bestaunt worden. Damit erhielt ich eher zufällig ein Portrait, auf dem solches erkennbar wurde. Und davon hängt es ab. Man muss sich die Kopfzeichnung genau anschauen, was regelmäßig nur mit guten Spektiven gelingt und von vielen nicht gemacht wird.
Auch diese Falken waren auf Ringe abgesehen, dabei ein grüner Vogelwartenring und ein schwarzer Kennring erkannt worden. Damit wies sich der weibliche Falke als aus der Zucht stammend und über eine Baumauswilderung der AWS in die Naturngelangt aus. Das Männchen war unberingt und typisch wanderfalkenfarbend

30.06.2011: Am Dom in Schwerin, der weibliche, adulte Brutfalke – vermutlich ein Hybrid zwischen Wanderfalke Falco p. peregrinus und Shahin Falco p. babylonicus. Erkennbar ist dieses an den Ockertönen am Hinterkopf und den schmalen und langen Backenstreifen, die beim Wanderfalken jedoch auch vorkommen können. Foto: A. Schulz-Benick

Ocker- und Rottöne sind für junge Wanderfalken in der Kopfgefiederzeichnung an Wangen,
Hinterkopf und Nacken ja ganz typisch, sollten beim adulten Falken aber nicht mehr vorhanden sein. Junge Shaine sehen juv. Wanderarten derartig ähnlich, dass nur der Züchter selbst den Unterschied erkennt und auch nur deshalb, weil er weiß, was er züchtete. Bei ihnen halten sich aber Rot- und Ockertöne im Nacken, Hinterkopf und ev. an den Wangen, jedoch nicht immer in gleicher Intensität. Es lohnt sich, daraufhin das Internet nach Portraits zu durchsuchen, woraus zugleich erkennbar wird, dass Züchter inzwischen scheinbar alle Unterarten der Wanderfalken miteinander kreuzten, getreu dem Motto: Nur der Zuchterfolg zählt. Es gibt sie von beinah ganz schwarz bis beinah ganz weiß. Von Franz Dach aus Hessen erhielt ich weitere Bilder zu vermuteten Hybriden dieses Aussehen aus Hessen und aus Bayern

 

Weiblicher Brutfalke in Hessen 2012 mit Anzeichen eines Hybridfalken aus Wanderfalke und Shahin. Das Männchen war üblich gefärbt
Foto: F. Dach

 

 

Ein männlicher Falke an einem Brückenbauwerk aus Bayern mit typischen Anzeichen eines Hybridfalken aus Wanderfalke und Shahin. Das Weibchen des Paares war üblich gefärbt und trug beidseitig rote Ringe der AGW-BW.

Foto: Gäßel

 

Der gleiche Vogel vom oberen Bild und in ähnlicher Position, nur in direktem Sonnenlicht auf dem Brückengeländer. Jetzt glaubten die betreuenden Falkenschützer einen Lannerfalken Falco biarmicus vor sich zu haben. F. biarmicus gehört aber den Hierofalken an, die sich in der Wildbahn vermutlich nicht mit Wanderfalken verpaaren würden. In der Zucht lassen sich m.W. auch nur über die künstliche Besamung gemeinsame Nachkommen erzeugen. Foto: Gläßel

In 2011 machten Ornithologen im Internet auf einen möglichen Hybridfalken im Speicherkoog Meldorf (HEI) aufmerksam, bei dem ich die gleiche Kopffärbung feststellen konnte. In 2012 kontrollierte Holger Weidmann ein brutwilliges Wanderfalkenpaar an einem Funkmast in Neumünster (NMS) und sah bei dem ad. Weibchen die gleichen Kennzeichen.

Dann überraschte es nicht mehr, als ich am 01.08.2012 einen Film im NDR3 sah über „Wildes London", in dem auch Wanderfalken gezeigt wurden. Einer trug ebenfalls die typische Kopfzeichnung.

Falke aus dem NDR3-Film: „Wildes London" am 01.08.2012 mit typischer Kopfzeichnung eines Mischlings zwischen Wanderfalken und Shahin

Wie die vorhergehenden aufgeführten zufällig gemachten sechs Erfahrungen zeigen, gibt es diese Falkentyp in Ost und West und das von Norddeutschland bis Süddeutschland und sogar in London. Dabei ist nicht anzunehmen, dass es sich dabei um die einzigen handelt. Vielmehr ist davon auszugehen, dass es viele sein müssen. So sind nicht nur über entflogene Beizfalken, die nicht mehr
eingeholt wurden, sondern vermutlich gerade auch über die gezielte Baumauswilderung der AWS über Jahre eine nicht mehr bestimmbare größere Anzahl an Hybriden in die Natur gelangt, die auch nicht mehr zurückgeholt werden können.

Die Frage ist nun, ob das ein Segen ist oder Fluch. Das lässt sich so einfach sicherlich nicht beantworten. Spannend wird daran werden, ob sich bei der anzunehmenden Unterzahl der Hybriden die rötliche Kopffärbung durchsetzt oder diese sich allmählich wieder ausmendelt, denn viele dieser Hybriden, so ist anzunehmen, haben diese sichtbaren Kennzeichen ja nicht, sehen aus wie übliche
Wanderfalken, sind aber dennoch Hybriden.

Nach Derek Ratcliffe (1993: 368+371) handelt es sich bei F. p. peregrinus und F. p. babylonicus um Unterarten des Wanderfalken, von der nur F. p .peregrinus bei uns wildlebend vorkommt und der von F. p. babylonicus räumlich weit getrennt ist. Nach der gängigen Definition handelt es sich deshalb bei den gemeinsamen Nachkommen um Arthybriden. Bei der rechtlichen Einordnung dieses Vorganges schreibt Artikel 11 EG Vogelschutzrichtlinie vor, dass die Mitgliedstaaten dafür zu sorgen haben, dass sich die etwaige Ansiedlung wildlebender Vogelarten, die im europäischen Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten nicht heimisch sind, nicht nachteilig auf die örtliche Tier- und Pflanzenwelt auswirkt. Danach existiert kein generelles Verbot, welches allein die Vermischung der Gene verbietet. Und wer wollte denn vorher sicher wissen, welche Auswirkungen das auf die Natur haben könnte und wer das eventuell kontrollieren? Wesentlich konkreter ist dann schon der § 40 (1) BNaturschG: Es sind geeignete Maßnahmen zu treffen, um eine Gefährdung von Arten durch Tiere nichtheimischer Arten entgegenzuwirken. Gefährdung bezeichnet hier die abstrakte Gefahr einer möglichen Schädigung. Danach wäre es verboten, es sei denn, es gäbe genügend Erfahrungen darüber, dass sich die Vermischung der Gene weder für die betroffene heimische Art, noch über mögliches verändertes Verhalten dieser so veränderten Art auf die Natur auswirken. Wenigstens bei einer Hybridisierung mit Hierofalken hatte man das angenommen, was dann zu einem Zuchtverbot gem. § 8 BundesartenschVO führte: Greifvogelhybriden im Sinne dieser Verordnung sind Greifvögel, die genetische Anteile von mindestens einer heimischen sowie einer weiteren Greifvogelart enthalten. Das träfe auf den von mir geschilderten Fall auch zu. Gemäß § 9 BundesartenschVO ist es verboten, Greifvogelhybride zu züchten. Damit ist dann auch endgültig klar, dass an sich verbotene Züchtungen natürlich nicht in die Natur gelangen dürfen, gleichgültig, ob sie die Zielgruppe waren oder nicht, unerheblich, welchen Anteil an Genen der anderen Art vorhanden ist. Nach § 9 BundesartenschVO, Abs. 2, sind bis zum 31. Dez. 2014 von dem Verbot aber diejenigen Züchter ausgenommen, die vor dem 25. Februar 2005 mit der Zucht von Greifvogelhybriden begonnen haben. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass sie deshalb in die Natur entlassen werden durften und noch dürfen. Nach § 41 BNaturschG i.V.m. § 9 BundesartenschVO war und ist es mindestens aus rechtlichen Gründen verboten.

Uwe Robitzky

Odderade, den 05.01.2013

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